Eine Jugendmannschaft des TSV 1860 München reiste mit der Deutschen Bahn zu einem Turnier nach Essen. Schon die Hinfahrt wurde wegen Hitze, technischen Problemen und stundenlanger Verspätung zur Geduldsprobe. Doch was sich nach Darstellung eines Trainers auf der Rückfahrt ereignete, wirft deutlich ernstere Fragen auf. „Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen“, heißt es in Matthias „Asmus“ Claudius’ Gedicht „Urians Reise um die Welt“ aus dem 18. Jahrhundert. Die Zeile ist längst zum geflügelten Wort geworden und wird gerne verwendet, wenn eine Reise anders verläuft als geplant und von Pannen, Umwegen oder unerwarteten Erlebnissen geprägt ist. Zu Lebzeiten des norddeutschen Dichters war die moderne Eisenbahn mit Dampflokomotive noch nicht erfunden. Hätte Claudius allerdings die heutige Deutsche Bahn gekannt, es hätte ihm sicher nicht an Stoff für kuriose Reisegeschichten gefehlt.
Einst galt die Deutsche Bahn als Sinnbild deutscher Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Heute steht sie exemplarisch für die Folgen jahrzehntelanger Versäumnisse bei der Infrastruktur und Modernisierung. Verspätungen, technische Störungen und Zugausfälle gehören für viele Reisende inzwischen zum Alltag. Um das unmittelbare Reiseerlebnis zumindest zu verbessern, kündigte der Konzern im Herbst 2025 unter dem Schlagwort „Neustart der Bahn“ verschiedene Sofortprogramme an. Sauberkeit, Sicherheit, Komfort und insbesondere die Information der Fahrgäste sollten demnach verbessert werden.
Der damalige Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) bezeichnete das Reformpaket als eine „Agenda für zufriedene Kunden auf der Schiene“. Im Zuge einer späteren Kabinettsumbildung wurde Schnieder vor vier Wochen – nach nur 14 Monaten Dienstzeit – durch seinen Parteikollegen Steffen Bilger ersetzt. Mit der Zufriedenheit der Fahrgäste bleibt es indes schwierig. Im ersten Halbjahr 2026 erreichten lediglich 58,7 Prozent der Fernzüge der Deutschen Bahn ihr Ziel pünktlich. Vollständige Zugausfälle sind dabei noch nicht berücksichtigt. Die Zahlen gehen aus einer Antwort des Bundesverkehrsministeriums auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion hervor.
Wie weit Sofortprogramme und das konkrete Reiseerlebnis im Einzelfall auseinanderliegen können, erfuhr vor einigen Wochen eine U13-Jugendmannschaft des TSV 1860 München auf dem Weg zu einem Nachwuchsturnier im Ruhrgebiet. 18 Kinder und zwei Trainer machten sich am 19. Juni 2026 mit der Deutschen Bahn von München nach Essen auf den Weg. Bereits die Hinfahrt entwickelte sich zu einer mehrstündigen Odyssee. Die Ereignisse auf der Rückfahrt zwei Tage später beschäftigen die Beteiligten jedoch bis heute.
Trainer Michael Ott schildert die Reise so: Am 19. Juni startete die Mannschaft planmäßig um 14.45 Uhr mit dem ICE 622 in München. Bei Außentemperaturen zwischen 30 und 35 Grad funktionierte nach seiner Darstellung die Klimaanlage im Zug nicht. Zudem konnte der ICE auf dem Weg Richtung Aschaffenburg zeitweise nur mit deutlich reduzierter Geschwindigkeit fahren. In Aschaffenburg mussten die Fahrgäste den Zug auf Anweisung des Personals wegen der hohen Temperaturen vorübergehend verlassen. Nach Otts Erinnerung verbrachte die Mannschaft dort etwa 60 bis 90 Minuten auf dem Bahnsteig. Anschließend wurde die Fahrt zunächst mit demselben Zug bis Frankfurt fortgesetzt. Dort mussten die Reisenden aufgrund der technischen Probleme erneut aussteigen. Nach einer weiteren Wartezeit von ungefähr einer Stunde und zusätzlichen organisatorischen Verzögerungen gelang es der Gruppe schließlich, mit einer anderen Verbindung Richtung Essen weiterzufahren.
Statt der ursprünglich vorgesehenen Ankunft um 20.02 Uhr erreichten die jungen Fußballer ihr Ziel erst gegen 0.30 bis 1 Uhr. Nach den geltenden Fahrgastrechten haben Reisende bei einer Verspätung von mindestens 120 Minuten am Zielbahnhof grundsätzlich Anspruch auf die Erstattung von 50 Prozent des Fahrpreises. Ärgerlich, mühsam – aber vermutlich eine Geschichte, wie sie viele Bahnreisende inzwischen in ähnlicher Form erzählen können. Wer in der Münchner Reisegruppe allerdings glaubte, damit bereits den Höhepunkt der Schwierigkeiten erlebt zu haben, sollte sich täuschen.
Am 21. Juni trat die Mannschaft um 18.36 Uhr mit dem ICE 1015 die Rückreise nach München an. Schon kurz nach der Abfahrt habe sich abgezeichnet, dass auch dieser Zug sein Ziel nicht pünktlich erreichen würde, berichtet Ott. Die Gruppe verfügte über reservierte Sitzplätze und saß nach seiner Schilderung in einem Bereich, in dem sich nur wenige weitere Reisende aufhielten. Bei der Fahrkartenkontrolle kam es dann zu einer ersten angespannten Situation. Einige der 12- und 13-Jährigen saßen auf dem Boden und beschäftigten sich dort mit ihren Panini-Sammelkarten der Weltmeisterschaft. Ein Mitarbeiter des Zuges habe die Trainer daraufhin mit den Worten angesprochen: „Wenn ihr das hier nicht hinbekommt, könnt ihr auch einen anderen Zug nehmen.“
Ott empfand den Ton als unverhältnismäßig scharf und fragte nach, ob es einen konkreten Anlass für die Reaktion gebe. Gleichzeitig habe er deutlich gemacht, dass die Trainer selbstverständlich sofort eingreifen würden, falls sich andere Reisende durch die Kinder gestört fühlten. Zu einer weiteren Erklärung sei es nicht gekommen. Der Mitarbeiter habe das Gespräch beendet und sei weitergegangen. Anschließend habe es bis kurz vor Augsburg keinen weiteren direkten Kontakt zwischen den Trainern und dem Zugpersonal gegeben. Dann, so Ott, hätten ihm einige Spieler berichtet, der Zugchef habe sich an die Kinder gewandt und ihnen gegenüber erklärt: „Ihr müsst jetzt dann sowieso in Augsburg aussteigen.“ Da für die Trainer zu diesem Zeitpunkt kein Grund für ein vorzeitiges Ende der Fahrt erkennbar gewesen sei, hätten sie die Aussagen der Kinder zunächst nicht einordnen können.
Bei der Ankunft des ICE in Augsburg betraten nach Otts Darstellung drei Polizeibeamte den Wagen und forderten die gesamte Mannschaft auf, den Zug zu verlassen. Auf Nachfrage hätten die Beamten auf eine entsprechende Entscheidung des Zugchefs verwiesen. Ott zufolge versuchte er daraufhin mehrfach, vom verantwortlichen Bahnmitarbeiter den konkreten Grund für den Ausschluss zu erfahren. Eine nachvollziehbare Begründung habe er jedoch nicht erhalten. Der Zugchef habe sinngemäß erklärt, zu einer solchen Auskunft nicht verpflichtet zu sein.
Grundsätzlich können Verkehrsunternehmen ihr Hausrecht auch gegenüber Fahrgästen mit gültigem Ticket ausüben. Ein Ausschluss von der Beförderung ist unter bestimmten Voraussetzungen möglich – beispielsweise bei erheblichen Verstößen gegen Beförderungsbedingungen, Sicherheitsvorschriften oder die Hausordnung. Welche konkrete Grundlage im Fall der Münchner Jugendmannschaft für den Ausschluss angenommen wurde, ist für die Betroffenen bis heute eine der zentralen offenen Fragen. Gegen Mitternacht musste jedenfalls die komplette Mannschaft den ICE in Augsburg verlassen. Planmäßig hätte die Gruppe München bereits um 23.41 Uhr erreichen sollen.
Besonders irritierend war für Ott eine weitere Aussage, die der Zugchef zuvor gegenüber den jungen Spielern getätigt haben soll. Demnach sei behauptet worden, die beiden Trainer seien alkoholisiert. Ott weist dies entschieden zurück. Um den Vorwurf unmittelbar auszuräumen, hätten sich beide Trainer vor Ort in Augsburg freiwillig zu einem Atemalkoholtest bereit erklärt. Dieser sei von den Beamten durchgeführt worden und das Ergebnis habe bei beiden 0,0 Promille betragen.
Für die beiden Trainer entstand nun eine zusätzliche Verantwortung: Mitten in der Nacht musste die sichere Weiterreise von 18 Kindern im Alter von zwölf und dreizehn Jahren organisiert werden. Einer der in Augsburg eingesetzten Polizeibeamten habe sein Bedauern über die Situation geäußert und darauf hingewiesen, dass die Deutsche Bahn in ihren Zügen das Hausrecht ausübe, berichtet Ott. Zugleich habe der Beamte den Trainern empfohlen, den Vorgang öffentlich zu machen. Die Mannschaft setzte ihre Reise schließlich mit einer anderen Verbindung fort.
Doch damit war die Geschichte noch nicht beendet. Auch das weitere Geschehen wirft aus Sicht der Beteiligten Fragen auf. Als die Gruppe später in München ankam, warteten dort nach Otts Angaben vier Polizeibeamte und vier Mitarbeitende der DB-Sicherheit am Bahnsteig. Auf Nachfrage sei ihm erklärt worden, es sei die Information übermittelt worden, mit dem Zug würden „randalierende Fußballfans“ eintreffen.
Ein Bild, das nach Darstellung Otts mit der Situation vor Ort nicht das Geringste zu tun hatte. Statt einer randalierenden Fangruppe seien den Einsatzkräften 18 übermüdete Kinder und ihre beiden Trainer entgegengekommen. Auch die Münchner Beamten hätten die Situation nach kurzer Zeit entsprechend eingeordnet. Laut Ott wurde der Gruppe erneut nahegelegt, den Vorgang öffentlich zu machen und sich gegebenenfalls auch an die zuständige Bundespolizeidienststelle in Augsburg zu wenden.
Bemerkenswert ist ein weiteres Detail: Zwei unbeteiligte Fahrgäste warteten nach Angaben Otts in München am Gleis extra auf die verspätete Ankunft der Mannschaft. Sie hätten den Trainern ausdrücklich angeboten, sich als Zeugen für die aus ihrer Sicht völlig unverständlichen Ereignisse zur Verfügung zu stellen. Ott wandte sich anschließend telefonisch mit einer Beschwerde an die Deutsche Bahn. Dort sei ihm mitgeteilt worden, dass der Vorgang intern geprüft werde. Mittlerweile hat der Verein einen Gutschein der Deutschen Bahn zur finanziellen Kompensation erhalten.
Auf Anfrage der Münchner Wochenanzeiger erklärte eine Sprecherin der Bahn schriftlich: „Wir bedauern ausdrücklich, dass es für die Kinder und ihre Begleiter zu Einschränkungen gekommen ist.“ Personalbeschwerden nehme man „äußerst ernst“ und arbeite daran, „unsere Mitarbeitenden zu den Themen zu sensibilisieren“. Zum Sachverhalt selbst gebe es „erfahrungsgemäß oft voneinander abweichende Aussagen, da jeder der Beteiligten die Ereignisse aus seiner Perspektive wahrnimmt und in Erinnerung hat – so auch im vorliegenden Fall“. Deshalb lasse sich aus Sicht der Bahn keine abschließende Bewertung vornehmen.
Für die Mannschaft und ihre Trainer bleiben dennoch mehrere entscheidende Fragen offen: Auf welcher konkreten Grundlage wurde einer Gruppe von 18 Kindern und zwei Begleitpersonen mitten in der Nacht, kurz vor Erreichen ihres Ziels, die Weiterfahrt mit gültigen Fahrkarten verweigert? Wie kam der Vorwurf zustande, die Trainer seien alkoholisiert? Und weshalb wurde offenbar die Information weitergegeben, bei der Gruppe handele es sich um „randalierende Fußballfans“? Vor allem aber stellt sich die Frage, wie eine zunächst alltägliche Auseinandersetzung über das Verhalten einiger Kinder in einem Zug innerhalb weniger Stunden derart eskalieren konnte.
Die Deutsche Bahn hat sich mit ihrem „Neustart“ ausdrücklich vorgenommen, nicht nur pünktlicher und zuverlässiger zu werden, sondern auch Sicherheit, Service und Kommunikation gegenüber ihren Fahrgästen zu verbessern. Vorfälle wie dieser zeigen, dass sich die Qualität einer Bahnreise nicht allein in Verspätungsminuten messen lässt. Entscheidend ist ebenso, wie Menschen behandelt werden, wenn etwas nicht nach Plan läuft – und ob Entscheidungen transparent, nachvollziehbar und verhältnismäßig getroffen werden. Matthias Claudius hatte also recht: Wenn jemand eine Reise tut, kann er etwas erzählen. Nur dürfte der Dichter kaum geahnt haben, dass zweieinhalb Jahrhunderte später eine wirklich gelungene Bahnfahrt vielleicht gerade daran zu erkennen wäre, dass sie hinterher keine Geschichte wert ist. (as)