Veröffentlicht am 18.03.2026 09:10

Was sagt die andere Hälfte?

Dr. Philipp Baaske, Vice President for Entrepreneurship der LMU. (Foto: LMU)
Dr. Philipp Baaske, Vice President for Entrepreneurship der LMU. (Foto: LMU)
Dr. Philipp Baaske, Vice President for Entrepreneurship der LMU. (Foto: LMU)
Dr. Philipp Baaske, Vice President for Entrepreneurship der LMU. (Foto: LMU)
Dr. Philipp Baaske, Vice President for Entrepreneurship der LMU. (Foto: LMU)

Es passiert jeden Tag. Oft in der Nachbarschaft: häusliche Gewalt. Die meisten Opfer sind Frauen und Mädchen. Die meisten Täter sind Männer. 187.128 Fälle häuslicher Gewalt wurden 2024 in Deutschland angezeigt. 308 Frauen wurden von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Weitere 551 Frauen und Mädchen überlebten einen solchen Angriff auf ihr Leben. Häusliche Gewalt hat laut Bundeskriminalamt (BKA) damit einen neuen Höchststand erreicht, obwohl nur ein Bruchteil der tatsächlich erlebten Gewalt zur Anzeige gebracht wird.
„Die Zahl der Straftaten an Frauen steigt kontinuierlich“, stellt BKA-Präsident Holger Münch fest.
„Gewalt gegen Frauen ist ein alltägliches Verbrechen, das wir nicht hinnehmen dürfen“, verlangt Bundesfrauenministerin Karin Prien.
„Frauenfeindliche Positionen werden immer lauter“, warnt der Präsident des Bayerischen Jugendrings, Philipp Seitz.
„Häusliche Gewalt ist ein riesiges gesamtgesellschaftliches Problem. Es wurde viel zu lange als Einzelschicksal betrachtet“, betont Inga Fischer,Vorstandsvorsitzende des Vereins für Fraueninteressen in München.
„Solange wir schweigen, bleibt das System bestehen“, mahnt Romy Stangl, Vorstandsfrau von One Billion Rising München.
Wenn die Hälfte der Bevölkerung sich in den eigenen vier Wänden nicht sicher fühlen kann, sind wir alle in der Pflicht. Was sagt die andere Hälfte der Bevölkerung dazu? Wir haben Männer gebeten, sich zu äußern.

„Nicht schweigen, nicht relativieren, nicht wegsehen”

Dr. Philipp Baaske, Vice President for Entrepreneurship der LMU:
Häusliche Gewalt ist kein privates Problem, sondern ein gesellschaftliches Versagen. Die Fakten sind eindeutig: Die meisten Betroffenen sind Frauen, die Täter sind statistisch überwiegend Männer. Gerade deshalb dürfen Männer nicht schweigen, nicht relativieren und nicht wegsehen. Verantwortung heißt, hinzuschauen, Grenzen klar zu benennen und Gewalt als Gewalt zu bezeichnen, körperlich wie verbal.
Unternehmen und Universitäten tragen dabei eine besondere Pflicht. Sie prägen Kultur und setzen Maßstäbe für Kultur, Sprache und Verhalten. An der LMU arbeiten wir seit vielen Jahren mit dem Frauennotruf zusammen und bieten gemeinsam mit der Münchner Polizei Präventionsangebote an. Das ist wichtig,reicht aber nicht aus. Entscheidend ist Haltung im Alltag: im Miteinander, in Führung, in Lehre und in Teams. Eine Gesellschaft, in der Frauen nicht sicher sind, verfehlt ihren Anspruch. Verantwortung beginnt dort, wo Führung klare Grenzen setzt und konsequent handelt. Gewalt darf keinen Platz haben: nicht im Privaten, nicht in Institutionen. Niemals. Nirgendwo.

„Niemand darf mit Gewalt allein bleiben”

MdB Dr. Stephan Pilsinger (CSU), stv. Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit:
Häusliche Gewalt ist kein privates Problem. Sie ist ein schwerwiegendes gesellschaftliches Versagen, das uns alle angeht und besonders häufig Frauen und Kinder betrifft. Inden eigenen vier Wänden Angst haben zu müssen, ist ein Angriff auf unsere Grundwerte von Würde, Sicherheit und Freiheit. Entscheidend ist: Niemand darf mit Gewalt allein bleiben.
Als Hausarzt sehe ich immer wieder: Gewalt beginnt nicht erst mit körperlichen Übergriffen, sondern oft mit Kontrolle, Einschüchterung und psychischem Druck. Scham und Schweigen helfen den Tätern – Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke.
Der Staat muss Betroffene konsequent schützen, Täter wirksam verfolgen und Prävention stärken. Dazu gehören ausreichend finanzierte Schutz- und Beratungsangebote wie Frauenhäuser und niedrigschwellige Hilfen für alle Betroffenen. Gleichzeitig brauchen wir eine Kultur des Hinsehens, Respekts und der Gewaltfreiheit. Häusliche Gewalt darf niemals verharmlost oder hingenommen werden.

„Täter konsequent zur Verantwortung ziehen”

MdL Josef Schmid (CSU):
Die steigenden Zahlen häuslicher Gewalt, insbesondere gegen Frauen, sind alarmierend und dürfen uns nicht kaltlassen. Als Abgeordneter des Bayerischen Landtags und als Mann stelle ich klar: Jede Form von Gewalt ist inakzeptabel – ob gegen Frauen oder Männer, gegen Kinder, Andersdenkende oder anders Fühlende. Gewalt widerspricht den Werten unseres Zusammenlebens. Sie zerstört Vertrauen, Freiheit und Würde.
Wir müssen Betroffene stärken und Täter konsequent zur Verantwortung ziehen. Politik, Gesellschaft und jeder Einzelne sind gefordert, hinzusehen und zu handeln. Wir brauchen mehr Prävention, frühzeitige Hilfsangebote und einen niedrigschwelligen Zugang zu Schutz und Beratung. Ebenso wichtig sind Aufklärung, gegenseitiges Verständnis und der Mut, Hilfe anzunehmen. Nur gemeinsam können wir Gewalt zurückdrängen und ein Bayern schaffen, in dem Respekt, Sicherheit und Menschlichkeit selbstverständlich sind.

„Im Freundes- und Kollegenkreis darüber sprechen”

Franz Xaver Peteranderl, Bauunternehmen aus Garching bei München und Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern:
Die zunehmende häusliche Gewalt gegen Frauen und Mädchen muss uns alle beschämen. Wir sind als Gesellschaft gefordert, gemeinsam dagegen vorzugehen.Dass laut Experten nur ein geringer Teil der Fälle angezeigt wird und damit strafrechtlich verfolgt werden kann, ist ein Armutszeugnis. Um das zu ändern, müssen wir die Menschen noch stärker für das Thema sensibilisieren – etwa, indem wir im Freundes- und Kollegenkreis, in Vereinen, Betrieben und Organisationen, darüber sprechen.

„Frauenfeindliche Positionen werden immer lauter”

Philipp Seitz, Präsident des Bayerischen Jugendrings:
Die Gleichstellung der Geschlechter ist ein wichtiges Querschnittsthema der Jugendarbeit in Bayern. Das zeigen aktuelle Entwicklungen in unserem Land und weltweit - mit antifeministischen Stimmen, steigenden Gewaltzahlen und Femiziden. In Zeiten, in denen Geschlechtergerechtigkeit häufig als ‚erreicht‘ dargestellt wird und frauenfeindliche Positionen immer lauter werden, ist zivilgesellschaftliches Engagement gegen diese Tendenz von zentraler Bedeutung. Mit seiner Arbeit gehört der Bayerische Jugendring seit Jahrzehnten zum Netzwerk für die Rechte von Mädchen und Frauen in Bayern.

„Betroffenen Frauen glauben und ihnen zur Seite stehen”

Kay Mayer, Einrichtungsleitung der Feierwerk Südpolstation:
Die Betroffenheit ist immer groß. Wenn man Menschen fragt, wie es ihnen mit wieder einer neuen Schlagzeile zu einem Fall von häuslicher Gewalt geht, dann hört man oft bestürzte Worte wie „Unbeschreiblich!“ oder “Unglaublich!“ Doch häusliche Gewalt lässt sich beschreiben. Die Bandbreite, in der vor allem Frauen von ihren meist männlichen Partnern im eigenen Zuhause Gewalt erfahren, ist groß: körperliche Misshandlung, Entzug von Freiheiten, Beleidigung und Herabwürdigung, emotionale Erpressung und Verunsicherungen. All diese und viele weitere Gewaltformen sind von zahlreichen betroffenen Frauen beschrieben. Und „unglaublich!“? Das haben wir alle, als Gesellschaft, als Mitbürger*innen, Betreuer*innen, Kolleg*innen, Freund*innen, usw. in der Hand. Betroffenen Frauen zu glauben, die von ihren Gewalterfahrungen berichten, und ihnen auf ihrem schwierigen Weg solidarisch zur Seite zu stehen, das muss die erste Aufgabe von uns allen sein.

„Dafür brauchen wir mehr Sichtbarkeit”

Christian Köning, Vorsitzender der SPD München:
Etwa jede vierte Frau in Deutschland wird mindestens einmal Opfer körperlicher oder sexualisierter Gewalt durch einen aktuellen oder früheren Partner. Zwar ist die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt in München 2024 laut Polizeibericht um 4,1 Prozent gesunken, liegt aber weiterhin mehr als 13 Prozent über dem Niveau von 2015 – die Dunkelziffer nicht eingerechnet.
Das dürfen wir als Gesellschaft nicht hinnehmen. Niemand sollte häusliche Gewalt erleben müssen. Die SPD im Münchner Rathaus hat deshalb konsequent gehandelt: Wir haben die Versorgung von Betroffenen verbessert und 48 zusätzliche Plätze in zwei Frauenhäusern geschaffen. Gleichzeitig investieren wir gezielt in Prävention und Empowerment.
Klar ist aber auch: Es braucht mehr Engagement auf Landesebene. Was ich mir persönlich wünsche – ganz im Sinne von Gisèle Pelicot: Die Scham muss die Seite wechseln. Dafür brauchen wir mehr Sichtbarkeit, ein würdiges Gedenken an die Opfer und gemeinsames gesellschaftliches Handeln.

„Niemand sollte wegschauen”

Helmut Pfundstein, Ehrenvorstand des MGV Germania und Mitglied des Aubinger Künstlerkreises:
Die erschreckende Zunahme häuslicher Gewalt geht einher mit der wachsenden Verrohung und Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft. Sie verschärft sich durch frauenfeindliche Weltbilder und primitiven Männlichkeitswahn. Beides findet sich nicht nur bei bildungsfernen, sondern auch in gebildeten und bürgerlichen Milieus. Oft wird Gewalt dort nicht körperlich, sondern psychisch ausgeübt.
Um das zu bekämpfen, genügt es nicht, sich allein auf das Thema häusliche Gewalt gegen Frauen zu konzentrieren, auch wenn hier ein besonderer Schwerpunkt zu setzen ist, weil Frauen besonders wehrlos sind, wenn ihr eigentlich geschützter Raum zur Folterkammer wird.
Das Thema Gewalt muss grundsätzlich angegangen werden. Dazu appelliere ich an das Gewissen aller Medienverantwortlichen die Darstellung von Brutalität und Männlichkeitsgehabe in ihren Produkten zu unterlassen. Bei allen Formen von Gewalt und Gewaltverherrlichung sollte niemand wegschauen, sondern sich dagegen engagieren.

„Solche Taten werden in Bayern nachdrücklich verfolgt”

MdL Georg Eisenreich, bayerischer Justizminister:
Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen stellt ein gravierendes gesellschaftliches Problem dar. Solche Taten werden in Bayern nachdrücklich verfolgt. Klar ist: Gewalt gegen Frauen hat viele Facetten: Hate Speech und häusliche Gewalt, Stalking und Cybermobbing, Zwangsprostitution und Femizide. Wir müssen Frauen und Mädchen vor Gewalt und Ausbeutung schützen. Das ist mir als bayerischer Justizminister auch persönlich ein wichtiges Anliegen. Deshalb haben wir unsere Strukturen verstärkt und den Bund mit zahlreichen Initiativen aufgefordert, neue Phänomene wie Rachepornos, Deepfakes oder Cybermobbing rechtssicher zu regeln. Ich begrüße auch ausdrücklich, dass das Bundeskabinett im November 2025 die Einführung der elektronischen Fußfessel gegen häusliche Gewalt beschlossen hat. Dafür hatte sich auch Bayern auf Bundesebene eingesetzt.

„Männer in die Verantwortung nehmen”

MdL Florian Siekmann, Vorsitzender der Münchner Grünen:
Häusliche Gewalt geschieht jeden Tag, oft mitten unter uns. Die Zahlen erreichen einen historischen Höchststand und das, obwohl nur ein Bruchteil der Taten auch tatsächlich zur Anzeige gebracht wird. All das macht deutlich, dass es für Frauen und Mädchen oft an dem Ort am gefährlichsten ist, an dem sie sich eigentlich am sichersten fühlen sollten: ihr Zuhause.
Mir ist wichtig, Gewalt gegen Frauen nicht als privates Problem abzutun, sondern als Ausdruck von festgefahrener Ungleichheit und alltäglicher Frauenfeindlichkeit einzuordnen. Wir brauchen konsequenten Schutz für Betroffene, stabile Finanzierung von Frauenhäusern und Beratungsstellen sowie wirksame Präventionsarbeit, die insbesondere (junge) Männer in die Verantwortung nimmt. Für mich ist klar: Gewalt gegen Frauen ist niemals hinnehmbar. Jeder Angriff auf eine Frau ist ein Angriff auf unsere gemeinsame Freiheit und unsere gemeinsamen Werte. Taten müssen streng verfolgt werden.

„Immer noch zu wenig Aufmerksamkeit”

Kardinal Reinhard Marx:
Das Ausmaß häuslicher Gewalt in unserer Gesellschaft ist ein Skandal, den wir nicht hinnehmen dürfen und der immer noch zu wenig Aufmerksamkeit erfährt. Unsere Verbände wie die Caritas oder der Sozialverband Katholischer Frauen betreiben in Bayern zahlreiche Frauenhäuser und Beratungsstellen für Betroffene. Leider steigt dort in jüngster Zeit die Nachfrage deutlich und es zeigt sich, wie schwer es für Betroffene ist, sich selbst aus gewaltvollen Beziehungen zu befreien, weil sie von ihren Partnern sozial und finanziell abhängig sind. Keine Frau aber sollte ihr Zuhause als einen ausweglosen Ort der Angst und Gewalt erleben. Hier braucht es ein gemeinsames Einstehen der Politik und aller gesellschaftlicher Gruppen, eine verlässliche Finanzierung von Beratungsstellen, bezahlbaren Wohnraum für Frauen, die nach einer Trennung aus eigener Kraft Fuß fassen wollen, und eine Kultur des Hinsehens und der Hilfsbereitschaft. Als Kirche, mit unseren Pfarreien, Einrichtungen und Verbänden, leisten wir dazu unseren Beitrag.

Florian Wimmer, Freiwillige Feuerwehr Allach:
Gewalt im eigenen Zuhause zerstört Vertrauen, verletzt die Würde des Menschen und hinterlässt tiefe seelische wie körperliche Spuren – bei Frauen, Männern und bei Kindern. Wegsehen darf dabei niemals eine Option sein. Betroffene müssen wissen, dass sie nicht allein sind und jederzeit Unterstützung erhalten – auch Einsatzkräfte der Feuerwehr können erste Ansprechpartner in Not sein und stehen vertrauensvoll zur Seite. Wer Hilfe braucht, kann sich daher auch an die Feuerwehr wenden, die Unterstützung vermittelt und Hilfe organisiert. Gleichzeitig ist Prävention entscheidend: Aufklärung, niederschwellige Beratung und ein Netzwerk aus Polizei, sozialen Einrichtungen und Ehrenamt sind unerlässlich. Respekt, Schutz und Sicherheit müssen im eigenen Zuhause selbstverständlich sein.
Ich fordere alle auf, hinzusehen, zuzuhören und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen – denn häusliche Gewalt geht uns alle an.

„Nichtanzeige schützt nur den Täter, nicht das Opfer”

Polizeipräsident Thomas Hampel:
Fälle von häuslicher Gewalt - auch Stalkingfälle - sind keine Privatangelegenheiten, sondern Straftaten, die seitens der Polizei konsequent verfolgt werden. Das Polizeipräsidium München legt dabei neben Strafverfolgung und Opferschutz großen Wert auf die schnelle und effektive Unterstützung von Kriminalitätsopfern nach traumatischen Erlebnissen. Durch die enge Vernetzung mit Behörden, Vereinen und Hilfseinrichtungen können wir den Opfern proaktive Hilfe anbieten. Eine zentrale Rolle übernehmen unsere Beauftragten für Kriminalitätsopfer bei unserem Präventionskommissariat 105. Sie unterstützen und beraten Betroffene von Straftaten wie häuslicher Gewalt, Kindesmisshandlung und Sexualdelikten.
Wir müssen Gewalttätern die rote Karte zeigen! Ziel der Beratung ist es, den Betroffenen zu helfen, sich aus der Opferrolle zu befreien und mit unseren Netzwerkpartnern Unterstützung anbieten zu können. Nichtanzeige schützt nur den Täter bzw. die Täterin, nicht das Opfer!

MdB Anton Hofreiter (Grüne):
Häusliche Gewalt, die ganz überwiegend Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist, ist keine private Angelegenheit. Das Gewaltproblem zu lösen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der wir uns alle stellen müssen. Es ist erschreckend, dass nur ein Bruchteil der Fälle überhaupt angezeigt wird und viele Betroffene sich keine Hilfe holen.
Gut, dass Anfang 2025 die vorige Bundesregierung noch das Gewalthilfegesetz verabschieden konnte. Nun ist es Aufgabe der Bundesländer, das Gesetz fristgerecht und konsequent umzusetzen. Der Bund stellt hierfür erhebliche Finanzmittel bereit, damit ein verlässliches und niederschwelliges Hilfesystem aufgebaut werden kann. Wichtig sind Schulungen der Behörden, bei der Polizei und Justiz, um mit den Betroffenen auch hinsichtlich der psychischen Auswirkungen häuslicher Gewalt besser umgehen zu können.
Wir fordern von der Bundesregierung, mehr in Prävention und Aufklärung zu investieren. Jede Form von Gewalt muss gestoppt oder geahndet werden.

Axel Wittau (Männerberatung beim Katholischen Männerfürsorgeverein München e.V. kmfv):
Stellen Sie sich vor, Sie kommen von der Arbeit nach Hause – an einen Ort, der eigentlich Sicherheit, Schutz und Geborgenheit bieten sollte. Doch für Sie gilt das nicht. Sie wissen nie, was Sie erwartet: verletzende Beschimpfungen oder fliegende Gegenstände. Zuhause ist ein Ort, aber keine Sicherheit. Und wenn Sie Hilfe suchen, fühlen Sie sich nicht ernst genommen. Als Mann sollen Sie stark sein; Gewalt zu erleben passt nicht ins Rollenbild. Also bleiben Sie allein – mit sich und dieser Gewalt.
Doch Opfer von Gewalt brauchen Schutz. Niemand sollte psychischer oder physischer Gewalt ausgeliefert sein. In meiner Arbeit mit wohnungslosen Männern ist es daher unerlässlich, neben dem Frauenschutz auch Angebote für Männer zu schaffen. Laut der Dunkelfeldstudie LeSuBiA (2026) erleben 48,7 % der Frauen und 40 % der Männer im Laufe ihres Lebens psychische Gewalt; bei physischer Gewalt sind es 18 % der Frauen und 14 % der Männer. Jede betroffene Person ist eine zu viel.

„Gewalt gegen Frauen und Kinder dulden wir nicht”

MdL Florian von Brunn (SPD):
2016 geschah in meinem Wahlkreis Giesing ein schrecklicher Mord. Eine Frau wurde von ihrem Ex-Partner brutal erstochen, nachdem er sie jahrelang gestalkt hatte. Kein Einzelfall: Frauen werden von Partnern, Ex-Partnern oder Verwandten erstochen, totgeschlagen oder überfahren. Knapp 266.000 Menschen wurden 2024 Opfer häuslicher Gewalt – ein neuer Höchststand. 70 Prozent davon Frauen. Mehr als 300 Frauen und Mädchen wurden getötet. Auch Kinder sind massiv betroffen.
Das dürfen wir als Gesellschaft nicht akzeptieren. Ich habe 2016 im Landtag Druck gemacht, damit Stalking-Opfer besser geschützt werden. Im November 2025 hat die Bundesregierung einen wichtigen Gesetzentwurf beschlossen: elektronische Fußfessel gegen Täter und verpflichtende Anti-Gewalt-Trainings. Ein Schritt in die richtige Richtung – jetzt muss er zügig Gesetz werden. Und wir brauchen mehr Beratungsstellen, Frauennotrufe und Frauenhäuser. Als Mann sage ich klar: Gewalt gegen Frauen und Kinder dulden wir nicht.

„Nur Probleme, die wir ansehen, können wir auch lösen”

Pfarrer Clemens Monninger, Himmelfahrtskirche Sendling:
Häusliche Gewalt gibt es schon so lange wie es Menschen gibt. Und ich bin entsetzt, dass sie weiterhin grassiert. Wohl, weil das Zuhause ein geborgener – aber auch ver-borgener Ort ist. Schon die Bibel erzählt von häuslicher Gewalt - in den „besten“ Kreisen: Ein Sohn von König David vergewaltigt seine Halbschwester Tamar (2. Samuel 13). Die Geschichte hat nichts Tröstliches.Die Tat zerstört zuerst Tamar, dann die Familie. Ihr Vollbruder lässt den Täter am Ende töten. Aber allein dass die Geschichte in der Bibel steht, finde ich wichtig. Dadurch ist Gott als Instanz im Spiel. Verborgene Gewalt wird offen gelegt und vor Gottes Augen gebracht. Und das Opfer kommt zu Wort: »Nein, mein Bruder! Tu es nicht! Denk doch an mich: Wo soll ich denn hin mit dieser Schande?“ Danach „streute sich Tamar Staub auf den Kopf und zerriss ihr Kleid, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und ging laut schreiend davon.“ Die Geschichte wird erzählt, um sie dem Verborgenen und Vergessen zu entreißen. Nur Probleme, die wir ansehen, können wir auch lösen.

„Für mich hat das Thema oberste Priorität”

Dieter Reiter, Oberbürgermeister in München (SPD):
Häusliche Gewalt ist in Deutschland und leider auch in München ein ernstes und alltägliches Problem – und sie trifft vor allem Frauen und Kinder, die oft jahrelang in Angst leben. Die Zahlen zeigen, dass die Dunkelziffer hoch ist und viele Betroffene lange schweigen, weil sie sich schämen oder keine Perspektive sehen. In Gesprächen mit Beratungsstellen und Hilfseinrichtungen wird immer wieder deutlich: Die Gewalt eskaliert häufig, wenn finanzielle Abhängigkeit, Isolation und Stress hinzukommen. Für mich hat das Thema oberste Priorität, weil es um den Schutz von Menschenleben geht.
Wir müssen die Hilfsstrukturen stärken, den Schutz von Betroffenen weiter verbessern und Täter konsequent in die Verantwortung nehmen. Dazu gehört eine bessere Vernetzung von Polizei, Justiz, Sozialarbeit und Beratung sowie schnelle, unbürokratische Hilfe, insbesondere bei akuter Gefahr. München setzt sich dafür ein, dass Betroffene sichere Zufluchtsorte finden, Beratung unkompliziert erreichbar ist und Gewalt frühzeitig erkannt wird. Häusliche Gewalt darf in unserer Stadt keinen Platz haben.

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